Expertenchat am 07.10.2019: Work-Life-Integration – Arbeit und Lebensqualität

Business woman standing outside in front of office building, using mobile phone — Image by © Bernd Vogel/Corbis

Wie könnte ein gesundes Gleichgewicht zwischen den Anforderungen im Job, familiären Verpflichtungen und Ihren Wünschen und Lebenszielen für Sie persönlich aussehen? Sollte und kann man heute noch strikt zwischen Beruf und Privatleben trennen oder ist das gar nicht sinnvoll? Wie kann man bei Überforderung gegensteuern? Erfahren Sie mehr in unserem nächsten Expertenchat am 7. Oktober um 20:30 Uhr.

Unsere Expertin:

Dipl.-Psych. Anja Benesch ist Psychologische Psychotherapeutin und Resilienztherapeutin mit Zusatzqualifikation Stressbewältigung laut § 20 SGB V (Primärprävention) sowie Lehrerin für Achtsames Selbstmitgefühl. Seit 2007 arbeitet sie in privater Niederlassung in Berlin und begleitet Menschen einzeln und in Gruppen auf ihrem Weg der Heilung und Veränderung.

Interview:

Frage: Viele müssen heute mit verschiedensten Rollen jonglieren zwischen Leistungsbereitschaft im Job, familiären Verpflichtungen und persönlichen Bedürfnissen. Ist das überhaupt noch ohne Stress zu schaffen?

Eine entscheidende Rolle spielen nach heutigem Verständnis die Bewertung meiner persönlichen Situation und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten. Wenn ich das Jonglieren meiner Rollen als sehr schwierig einschätze und das Gefühl habe, dass mich niemand dabei unterstützt, dann ist es sehr verständlich, dass ich mich gestresst fühle und dadurch belastet bin. Wenn ich hingegen Spaß am Jonglieren und einen Arbeitgeber, Freunde und Familie habe, von denen ich mich unterstützt fühle, dann bewerte ich dieselbe Situation vielleicht als bereichernd und fühle mich all dem gewachsen.

Man unterscheidet hier zwischen positivem Stress (Eustress), welcher unsere Leistungsfähigkeit fördert und sich trotz Beanspruchung positiv auswirkt, und negativem, dauerhaft oder häufig auftretendem Stress (Disstress), der uns langfristig schadet und uns in die Überforderung führt. Negativer Stress kann zu gesundheitlichen Problemen wie Burnout oder psychischen Erkrankungen führen, welche man im Zweifelsfall fachkundig abklären und behandeln lassen sollte.

Frage: Was kann jede*r tun, um eine gesunde Balance zu finden?

Zunächst einmal kann man sich anschauen, wie man die eigene Situation einschätzt: Ist mein Verhältnis von Arbeit und Privatleben für mich persönlich aktuell stimmig? Kann ich etwas an den äußeren Rahmenbedingungen verändern? Kann ich darüber hinaus etwas an meiner persönlichen Einstellung dazu verändern? Fühle ich mich all dem gewachsen, und falls nicht, woher und wie kann ich mir Unterstützung holen? Kann ich, wenn auch nur für kurze Zeit, etwas weglassen? Was ist gerade wirklich wichtig?  Oft geht es weniger darum, etwas zu tun, sondern etwas nicht zu tun.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich oft, eigene Werte zu reflektieren und sich klar zu machen, was einem in den Bereichen Job, Familie und persönliche Bedürfnisse wirklich wichtig ist, und dem dann Raum und Zeit zu geben, während man andere Dinge weglässt. Dies kann dann beispielsweise dazu führen, dass ich auch mal nach 20 Uhr noch eine arbeitsbezogene Email beantworte, weil ich am nächsten Morgen vor der Arbeit ins Fitnessstudio gehen will; am Wochenende hingegen lasse ich mein Mobiltelefon bewusst aus, weil mir die Zeit mit meiner Familie dann das Wichtigste ist.

Frage: Was meint der Begriff Work-Life-Integration?

Der aktuelle Trend geht dahin, dass Arbeit und Privatleben nicht mehr klar voneinander getrennt werden können und Grenzen zunehmend verschwimmen. Dies wird gefördert durch Entwicklungen in Richtung einer Flexibilisierung der Arbeit wie z.B. durch Homeoffice und ständige Erreichbarkeit durch Mobiltelefone, Email und Apps. Man spricht daher heute auch von „Work-Life-Integration“ statt von „Work-Life-Balance“: es geht darum, Arbeit, Familienleben und persönliche Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren und deren Integration zu fördern, anstatt Arbeit auf der einen und das private Leben auf der anderen Seite zu betrachten. Je flexibler man hier in Bezug auf seine eigenen Bewertungen und Einstellungen ist, desto eher wird man sich in einer als natürlich empfundenen Balance wiederfinden.

Frage: Zwischen den täglichen Anforderungen und Überforderung ist es manchmal nur ein schmaler Grat. Wann sollte ich die Reißleine ziehen und was wäre ein sinnvoller erster Schritt? 

Chronischer negativer Stress wirkt sich langfristig negativ auf Gesundheit, Wohlbefinden, Partnerschaft und Familie aus. Die Reißleine ziehen sollte man beim Auftreten sogenannter Frühwarnzeichen wie z. B. Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, innere Unruhe, Erschöpfung und Energiemangel, Zurückstellen eigener Bedürfnisse. Bereits in diesem Stadium ist ein sinnvoller erster Schritt, sich Unterstützung zu holen und diese Symptome z. B. vom Hausarzt/Hausärztin abklären zu lassen und sich zu beraten. Manchmal gibt es körperliche Ursachen, welche die Symptome erklären und die sich gut ärztlich behandeln lassen. In anderen Fällen erfolgt eine Überweisung an einen Facharzt oder an eine/n Psychotherapeut/in, die eine weitere Abklärung durchführen und dann eine entsprechende Behandlung anbieten können.