Expertenchat zu Achtsamkeit am 13. Februar 2017

Ihr Schlüssel zu innerer Ruhe und Kraft

Das Telefon klingelt, der Fernseher ist an, Stress auf der Arbeit – manchmal scheinen ganze Tage einfach nur vorbei zu rauschen. Hier kommt das Konzept der Achtsamkeit ins Spiel. Das Ziel: Stress, Anspannung und hemmende Gedanken komplett ausblenden, um bewusster zu leben, Stress gezielt zu reduzieren und letztlich neue Kraft zu schöpfen. Diese Ideen bilden einerseits die Grundlage für fernöstliche Meditationstechniken, andererseits werden sie bis heute insbesondere in der Psychotherapie eingesetzt. In unserem Expertenchat „Achtsamkeit: Ihr Schlüssel zu innerer Ruhe und Kraft“ am 13. Februar 2017 um 20.30 Uhr können Sie Ihre persönlichen Fragen zum Thema stellen.

Der Experte

Bereits während seines Studiums der Psychologie legte Dipl.-Psych. Martin Straka einen Schwerpunkt auf das Thema Achtsamkeit. Nach beruflichen Stationen als Psychologe im Suchthilfebereich und in einer Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist Straka heute als Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie in einer Psychotherapeutischen Praxis und in einer Ambulanz tätig. Außerdem führt er Trainings und Seminare zu den Themen Achtsamkeit, Stressbewältigung, Ressourcenaktivierung und Soziale Kompetenzen durch.

Achtsamkeit – was bedeutet das überhaupt?

Achtsamkeit ist ein facettenreiches Konzept, mit dem sowohl spezifische Meditationstechniken assoziiert werden als auch bestimmte Qualitäten von Aufmerksamkeit wie „Sorgfalt“ oder „Umsicht“. Im Sinne seiner buddhistischen Tradition ist unter Achtsamkeit eine besondere Form der Aufmerksamkeitslenkung zu verstehen, die absichtsvoll auf ein Objekt gerichtet ist und sich durch seine nicht-wertende, also „annehmende“ und „akzeptierende“ Haltung auszeichnet. Beispielsweise könnte jemand, der sich in Achtsamkeit übt, seine Aufmerksamkeit ganz bewusst auf seine Empfindungen lenken und diese unabhängig davon, ob die Empfindungen angenehm oder unangenehm sind, mit einer radikal akzeptierenden Haltung „einfach nur beobachten“. Zusammengefasst geht es darum, sich seiner selbst, seiner Gefühle, Empfindungen, Gedanken bewusst zu sein und diesen mit einer gleichmütigen Haltung zu begegnen.

Gibt es leicht umzusetzende Übungen, mit denen Achtsamkeit im Alltag trainiert werden kann?

Es gibt viele Möglichkeiten, auch im Alltag seine Fähigkeit zur Achtsamkeit zu trainieren: Eine Übung besteht darin, seine Aufmerksamkeit während des Essens ganz bewusst auf die geschmacklichen Erfahrungen zu lenken. Denn wie oft kommt es vor, dass wir während des Essens gar nicht wahrnehmen, dass und was wir gerade essen, sondern uns gedanklich mit Dingen beschäftigen, die vergangen sind oder mit Dingen, die eintreten könnten? Beim „achtsamen Essen“ geht es also darum, die eigene Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das Erleben „im Hier und Jetzt“ zu richten. Eine andere Übung, die wir z.B. beim Warten an der Bushaltestelle durchführen können, besteht darin, seinen natürlich fließenden Atem im Bereich des Naseneingangs zu beobachten. Egal ob der Atem durch das linke Nasenloch, durch das rechte oder durch beide Nasenlöcher fließt oder der Atem „flach“ oder „tief“ ist – wir üben uns darin, diesen mit einer gleichmütigen Haltung einfach nur zu beobachten. Sollten Gedanken in unser Bewusstsein dringen, die uns in dem Moment ablenken, registrieren wir das und üben uns darin, weiterhin geduldig mit der Aufmerksamkeit zurück zum Atem zu kommen. Mit etwas Routine und wachsender Achtsamkeit werden wir auch feine Empfindungen bewusster wahrnehmen, wie beispielsweise den leichten Temperaturunterschied zwischen dem in die Nase hineinströmenden und herausströmenden Atem.

Welche Probleme können mit mehr Achtsamkeit in den Griff bekommen werden?

In zahlreichen Studien wurde belegt, dass sich das kontinuierliche Üben in Achtsamkeit positiv auf das psychische und physische Wohlbefinden auswirkt. So wurde nachgewiesen, dass eine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis die Fähigkeit zur Regulation unangenehmer Emotionen wie Angst oder Ärger fördert. Achtsamkeit hilft hier, eine Distanz zu seinem emotionalen Erleben herzustellen, um sich von diesem nicht überwältigen zu lassen und handlungsfähig zu bleiben. Spannend ist auch der erfolgreiche Einsatz von Achtsamkeitsstrategien in Jon Kabat-Zins „Mindfulnes Based Stressreduction Program“ (MBSR), das u.a. bei Schmerzpatienten angewendet wird: Hier übt sich der Betroffene darin, anstatt gegen die Schmerzempfindungen „anzukämpfen“, diese aus einer Beobachterperspektive als eine Erfahrung von vielen anzunehmen, so dass eine Distanz zwischen der Empfindung „Schmerz“ und ihm als Beobachter dieser Empfindung entsteht. Die Folge ist, dass er sich von den Schmerzempfindungen weniger dominieren lässt und diese als weniger aversiv erlebt.

Ist Achtsamkeitstraining auch in der Therapie von Nutzen?

Insbesondere in der modernen Verhaltenstherapie ist die Anwendung von Achtsamkeitsstrategien nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Psychotherapieprogrammen, wie die Mindfulnes-Based Cognitive Therapy (MBCT), die Acceptance and Commitment Therapie (ACT) oder die Dialectical Behavior Therapy (DBT), die Achtsamkeitselemente integrieren.

Wohin kann ich mich wenden, wenn ich Unterstützung benötige?

Da es sich bei Achtsamkeit um ein aus dem Buddhistischen stammendes Konzept handelt, besteht zunächst die Möglichkeit, sich in einem buddhistischen Meditationszentrum oftmals unter Anleitung in Achtsamkeit zu üben. Aber auch in christlich orientierten Häusern werden Achtsamkeitskurse angeboten. Losgelöst von einem religiösen Zusammenhang besteht beispielsweise die Möglichkeit, in einem achtwöchigen MBSR-Programm ein tieferes Verständnis von Achtsamkeit zu gewinnen. Da sich das Thema „Achtsamkeit“ einer immer größeren Beliebtheit erfreut, werden inzwischen auch an Volkshochschulen Achtsamkeitskurse angeboten. Um eine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis aufrecht zu erhalten, ist es auf jeden Fall ratsam, sich mit Gleichgesinnten in regelmäßigen Abständen zum gemeinsamen Üben zu treffen.